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Ukraine- Krieg
Zitat von Gast am 24. Januar 2025, 10:45 UhrMaterialschlacht in der Ukraine: "Spätestens Ende 2025 können die Russen nicht mehr weitermachen wie bisher"
In der russischen Kriegswirtschaft knirscht es: 80 Prozent des Geräts für die Invasion in der Ukraine stammt aus Sowjetzeiten, Moskau bekommt durch Engpässe Probleme, Panzer und Geschütze zu ersetzen. Bald könnte es zu einem Wendepunkt der Materialschlacht kommen, sagt Oberst Reisner.
Dieser Screenshot eines Videos des russischen Verteidigungsministeriums zeigt einen Soldaten, der eine Panzerabwehrwaffe abfeuert.© APMarkus Reisner: Noch reicht das Material aus, um das Momentum, das die Russen seit Mai letzten Jahres haben, aufrechtzuerhalten. Nun lichten sich aber die Reihen. Bislang ersetzt die russische Armee die abgeschossenen Panzer, Geschütze und Raketenwerfer noch mit riesigen Altbeständen aus Sowjet-Zeiten. Das Ressourcenpotenzial aus dem Kalten Krieg ist zwar gewaltig. Aber das wird nicht ewig so weitergehen. Doch auch die Lieferungen, die die Ukraine aus dem Westen bekommt, reichen bei weitem nicht aus. Zudem können viele der Geräte, wie zum Beispiel moderne Leopard-Panzer, ihre Stärken gar nicht ausspielen. Denn die großen Schlachten zwischen mechanisierten Verbänden im Kalten Krieg, für die er mal gebaut wurde, gibt es so in der Ukraine gar nicht. Der Panzer wird eigentlich auf seine Rolle als besseres Sturmgeschütz reduziert. Und das kann ein uralter T-55 genauso gut wie ein hochmoderner Leopard. Der ist für diesen Abnutzungskrieg eigentlich übertechnisiert.
Das ist die große Frage, die Ihnen im Rückblick nur die Historiker präzise werden beantworten können. Ich denke aber, dass es spätestens im dritten oder vierten Quartal dieses Jahres interessant werden wird, weil dann mit Blick auf den enormen Verschleiß von Fahrzeugen und Gerät ein kritischer Punkt erreicht ist. Falls es nicht zu völlig überraschenden, neuen Produktionssteigerungen kommt, werden die Russen mit dieser Materialschlacht an allen Frontabschnitten gleichzeitig nicht mehr weitermachen können wie bisher. Spätestens ab 2026 wird die russische Armee dann zumindest an einzelnen Frontabschnitten zu einer defensiveren Kampfführung übergehen müssen.
Die Hoffnung der Russen ist einfach, dass sich bis zu diesem Moment vieles am Verhandlungstisch geregelt hat. Eigentlich könnten sie den Abnutzungskrieg in diesem Jahr einfach bequem weiterführen, ohne ihr Personal zu verheizen. Aber die russische Führung ist ungeduldig und will das Ergebnis schneller haben, weil in den USA Donald Trump sein Amt antritt. Darum schickt sie jetzt ihre Soldaten gewissenlos ins Feuer.
Etwa 75 bis 80 Prozent des Materials sind alte Sowjetbestände, nur circa 20 Prozent sind Neuproduktion. Wir sehen also einen konstanten Zufluss. Der reicht zwar nicht aus, um in kurzer Zeit wieder große Reserven aufzubauen. Es gibt keine zweite, dritte Staffel, die im Rückraum wartet, um im entscheidenden Moment den Durchbruch zu erzielen. Das ist aber auch gar nicht nötig: Durch den Masseneinsatz von tausenden Drohnen sind alle Bewegungen auf dem Schlachtfeld transparent. Größere Verbände für eine Offensive lassen sich so kaum unbemerkt, geschweige denn gefahrlos versammeln. Deshalb greifen die Russen momentan in kleinen Gruppen in Schleier- oder Schwarmlinie an und versuchen, durch Lücken durchzubrechen. Gepaart mit massivem Artillerieeinsatz gelingt ihnen so auf Dauer ein stetiger Vormarsch.
Entweder sie kompensieren das durch eigene Produktion, oder andere springen ein. Es wäre aus meiner Sicht ein Denkfehler zu glauben: Irgendwann haben die Russen kein Gerät mehr, und dann ist der Krieg halt vorbei. Was viele nicht verstehen ist, dass dieser Krieg nicht durch Russland allein geführt wird und ihn Putin allein auch nicht gewinnen kann. Ich vergleiche das oft mit einem Boxkampf, wo beide Kontrahenten nach einer Runde zurück in ihre Ecke gehen. Da stehen bei den Russen die Chinesen und die Inder, die von Moskaus billigen Rohstoffen profitieren, sowie Iran und Nordkorea, die militärische Mittel liefern. Hinzu kommen viele Ex-Sowjetrepubliken rund um Russland, die als Zwischenhändler von den Sanktionen profitieren. Und globale Swing States wie die Türkei, die die Lage wechselhaft zum eigenen Vorteil nutzen. Bei der Ukraine stehen dagegen die Europäer, die zwar gute Tipps, aber nicht mehr viel eigenes Material haben. Und die Amerikaner, die zwar liefern, aber, überspitzt gesagt, eigentlich schon gedanklich nach China weitergezogen sind. In der Logik des Ressourcenverbrauchs hat Russland schlicht die besseren Verbündeten. Insofern ist die Frage nicht nur, wie lange kann Russland noch durchhalten. Sondern wie lange kann die Ukraine noch durchhalten.
Wir schauen immer sehr stark auf das operative Gefechtsfeld, weil das die Bilder sind, die uns jeden Tag erreichen. Ich denke aber, dass dieser Krieg eher auf der strategischen Ebene entschieden wird. Da sind vor allem Russlands vierzehntägliche Luftangriffe mit Marschflugkörpern und schweren Bombern, nach denen man fast die Uhr stellen kann, und tägliche Drohnen-Attacken das größte Problem. Mittlerweile kann Moskau im Monat fast 2000 Stück erzeugen und mehr als 100 bis 140 pro Tag einsetzen. Das ist viel verheerender als alles, was an der Front im Donbass geschieht. Denn wenn die kritische Infrastruktur zerstört ist, wenn es keine Strom- und Gasversorgung mehr gibt, kann weder die Industrie Nachschub produzieren, noch die Bevölkerung überleben.
Deswegen braucht die Ukraine hier von westlicher Seite noch viel mehr Unterstützung. Auch wenn Russland nur ein oder zwei abgeschossene strategische Bomber im Halbjahr ersetzen kann: Es reicht, um die Ukraine auf Dauer zu zermürben. Auf der operativen Ebene kann es Kiew durchaus gelingen, den Konflikt einzufrieren. Aber wenn er auf strategischer Ebene weitergeht, bricht das Land einfach zusammen. Dann ist es völlig egal, ob auf russischer Seite ein neuer T-90 oder nur noch ein alter T-34 aus dem Zweiten Weltkrieg rumfährt. Wenn ihm nichts mehr gegenüber steht, marschiert er in Kiew ein.
Ich sehe darin keinen Flaschenhals für die russische Kriegsproduktion. Wenn die Maschinen ausgeleiert sind und die Russen neue brauchen, werden sie sie bekommen. Entweder über Zwischenhändler, oder sie werden von China geliefert. Es ist bislang nicht zu erkennen, dass China bei solchen Engpassgütern auf der Bremse stehen würde. Problematisch wäre es nur, wenn Russland wirklich vollständig isoliert wäre. Es ist aber eben nicht so wie im Zweiten Weltkrieg beim Deutschen Reich, das relativ abgeschottet war.
Nehmen Sie zum Beispiel die Maschinen, mit denen sich kilometerlange Lenkdrähte für russische Drohnen aufwickeln lassen, um sie gegen Störsender immun zu machen: Russland produziert sie nicht selbst, sie kommen aus China. Obwohl Peking eigentlich offiziell sagt, man sei für Frieden und unterstütze Russland gar nicht. Dabei ist jedem klar, was mit den Maschinen in Russland geschieht. Gleichzeitig schränkt China auch bereits faktisch die Lieferung von Drohnenbauteilen an die Ukraine ein.
Und denken Sie nur an den Iran: Der ist trotz schwerster Sanktionen zur Drohnen-Supermacht geworden. Im 21. Jahrhundert gibt es immer wieder Mittel und Möglichkeiten, am Markt das zu bekommen, was man braucht. Da darf man nicht naiv sein. Selbst das Deutsche Reich hat seine Engpässe im Zweiten Weltkrieg in den Griff bekommen: Im großen Stil ist etwa Schweden für die deutsche Kugellagerindustrie eingesprungen, die die US-Luftwaffe mit strategischen Angriffen auf Schweinfurt und Regensburg kaputtbombardiert hatte.
Auch hier besteht aus meiner Sicht keine große Hürde mehr. Klar, wir sehen noch keine ballistischen Raketen, Panzer oder andere komplette Waffensysteme aus China im Einsatz. Aber wichtige Komponenten, Fahrzeuge und Drohnenteile liefert China längst. Zudem geht es nicht nur um China: Aus Nordkorea kommen längst nicht mehr nur Soldaten und Artilleriemunition. Die ersten Bilder zeigen bereits, dass Russland wohl mit schweren "Koksan"-Selbstfahrgeschützen aus Pjöngjang eigene Ausfälle seiner großkalibrigen Kanonenhaubitze 2S7 "Pion" kompensiert.
Und auf ukrainischer Seite werden längst ballistische Raketen wie ATACMS, Storm Shadow oder Scalp-Marschflugkörper aus dem Westen geliefert. Was sollte die Chinesen hindern, das Gleiche zu tun? Ich gehe davon aus, dass wir über kurz oder lang auch chinesische Waffen in der Ukraine sehen werden.
Natürlich schaden die Sanktionen Russland schon heute erheblich. Aber in einem Land, das sich so systematisch vorbereitet und zudem potente Unterstützer hat, greifen sie halt nur sehr langsam. Aus meiner Sicht müsste man die Abnahme russischer Rohstoffe im Westen wirklich radikal auf null reduzieren. Das geht natürlich nicht von einem Moment auf den anderen, wie man auch am Beispiel Österreich, Slowakei oder Ungarn sieht. Aber es ist ein Unding, dass die Schattenflotte der Russen uns nach drei Jahren Krieg immer noch weiter Öl und Gas liefert, bloß über Umwege.
Natürlich würde das aber auch bedeuten, dass das schöne Leben, das wir alle genießen, in diesem Umfang vorerst nicht mehr möglich wäre, dass man ein Stück mehr auf Kriegswirtschaft umstellen und entscheiden müsste: Windräder oder Artilleriegranaten. Damit gewinnt man natürlich keine Wahl. Und gefühlt müssten die Russen dafür quasi schon in Berlin an die Tür klopfen. Diesen Gefallen werden sie uns aber nicht tun. Denn dann wären die Europäer vielleicht doch geeint. Der hybride Krieg hat den großen Vorteil, dass er in einer Grauzone stattfindet. Dabei sind wir längst in einer Art Vorstufe eines bewaffneten Konflikts mit Russland.
Ich schätze, es sind jetzt zwischen 100.000 und 125.000 tote Russen und bis zu 400.000 Verwundete, also sogar über 500.000. Ähnliche Zahlen gelten für die Ukraine. Die Frage ist, wo ist der Knackpunkt in der Gesellschaft? Nach meinen Erfahrungen in Russland wirkt dort der Sowjetkommunismus bis heute nach. Es gibt wenig Bereitschaft, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen, viel Hörigkeit gegenüber einem großen Führer, der schon die richtigen Entscheidungen treffen wird. Es ist eine sehr leidensfähige Gesellschaft.
Wir sind dagegen eine postheroische Gesellschaft ohne große Opferbereitschaft. Das schöne Leben, das wir genießen, ist uns im Westen wichtiger als das Wohl des Ganzen. Auch in Russland weint natürlich jede Frau um ihren Mann, jede Mutter um ihren Sohn. Aber für viele arme Rekruten aus Burjatien oder Jakutien sind 20.000 Euro Armeewerbeprämie eben enorm viel Geld. Und wenn sie erst in einem Schützengraben liegen, ist es zu spät.
Dann steht hinter ihnen so wie vor 80 Jahren der Kommissar und zwingt sie mit vorgehaltener Waffe wieder nach vorne. Oder er läuft die Reihen auf und ab, wie es in Videos dokumentiert ist, und sagt: "Ich werdet alle verrecken, aber man wird euch Denkmäler bauen und bis in alle Ewigkeit huldigen." Trotzdem sieht man nicht, dass bei den Soldaten die offene Revolution ausbricht. Das ist uns zum Glück fremd, aber man darf es nicht ignorieren.
Ich sehe momentan kaum Anhaltspunkte für eine Revolution in der russischen Gesellschaft, wie etwa im Ersten Weltkrieg. Ich sehe auch keinen Lenin. Ich sehe auch nicht, dass es bei der Versorgung zu wirklich massiven Einbußen kommt. Den gut betuchten Russen in Sankt Petersburg und Moskau geht's genauso gut wie vorher. Der Rest war schon immer egal. Es knirscht zwar in Russland. Und es ist auch ein Ende des Krieges abzusehen. Aber ich wiederhole: Die Frage ist nicht nur, wie lange die Russen durchhalten können, sondern eher, wie lange die Ukrainer noch durchhalten können.
Materialschlacht in der Ukraine: "Spätestens Ende 2025 können die Russen nicht mehr weitermachen wie bisher"
In der russischen Kriegswirtschaft knirscht es: 80 Prozent des Geräts für die Invasion in der Ukraine stammt aus Sowjetzeiten, Moskau bekommt durch Engpässe Probleme, Panzer und Geschütze zu ersetzen. Bald könnte es zu einem Wendepunkt der Materialschlacht kommen, sagt Oberst Reisner.
Markus Reisner: Noch reicht das Material aus, um das Momentum, das die Russen seit Mai letzten Jahres haben, aufrechtzuerhalten. Nun lichten sich aber die Reihen. Bislang ersetzt die russische Armee die abgeschossenen Panzer, Geschütze und Raketenwerfer noch mit riesigen Altbeständen aus Sowjet-Zeiten. Das Ressourcenpotenzial aus dem Kalten Krieg ist zwar gewaltig. Aber das wird nicht ewig so weitergehen. Doch auch die Lieferungen, die die Ukraine aus dem Westen bekommt, reichen bei weitem nicht aus. Zudem können viele der Geräte, wie zum Beispiel moderne Leopard-Panzer, ihre Stärken gar nicht ausspielen. Denn die großen Schlachten zwischen mechanisierten Verbänden im Kalten Krieg, für die er mal gebaut wurde, gibt es so in der Ukraine gar nicht. Der Panzer wird eigentlich auf seine Rolle als besseres Sturmgeschütz reduziert. Und das kann ein uralter T-55 genauso gut wie ein hochmoderner Leopard. Der ist für diesen Abnutzungskrieg eigentlich übertechnisiert.
Das ist die große Frage, die Ihnen im Rückblick nur die Historiker präzise werden beantworten können. Ich denke aber, dass es spätestens im dritten oder vierten Quartal dieses Jahres interessant werden wird, weil dann mit Blick auf den enormen Verschleiß von Fahrzeugen und Gerät ein kritischer Punkt erreicht ist. Falls es nicht zu völlig überraschenden, neuen Produktionssteigerungen kommt, werden die Russen mit dieser Materialschlacht an allen Frontabschnitten gleichzeitig nicht mehr weitermachen können wie bisher. Spätestens ab 2026 wird die russische Armee dann zumindest an einzelnen Frontabschnitten zu einer defensiveren Kampfführung übergehen müssen.
Die Hoffnung der Russen ist einfach, dass sich bis zu diesem Moment vieles am Verhandlungstisch geregelt hat. Eigentlich könnten sie den Abnutzungskrieg in diesem Jahr einfach bequem weiterführen, ohne ihr Personal zu verheizen. Aber die russische Führung ist ungeduldig und will das Ergebnis schneller haben, weil in den USA Donald Trump sein Amt antritt. Darum schickt sie jetzt ihre Soldaten gewissenlos ins Feuer.
Etwa 75 bis 80 Prozent des Materials sind alte Sowjetbestände, nur circa 20 Prozent sind Neuproduktion. Wir sehen also einen konstanten Zufluss. Der reicht zwar nicht aus, um in kurzer Zeit wieder große Reserven aufzubauen. Es gibt keine zweite, dritte Staffel, die im Rückraum wartet, um im entscheidenden Moment den Durchbruch zu erzielen. Das ist aber auch gar nicht nötig: Durch den Masseneinsatz von tausenden Drohnen sind alle Bewegungen auf dem Schlachtfeld transparent. Größere Verbände für eine Offensive lassen sich so kaum unbemerkt, geschweige denn gefahrlos versammeln. Deshalb greifen die Russen momentan in kleinen Gruppen in Schleier- oder Schwarmlinie an und versuchen, durch Lücken durchzubrechen. Gepaart mit massivem Artillerieeinsatz gelingt ihnen so auf Dauer ein stetiger Vormarsch.
Entweder sie kompensieren das durch eigene Produktion, oder andere springen ein. Es wäre aus meiner Sicht ein Denkfehler zu glauben: Irgendwann haben die Russen kein Gerät mehr, und dann ist der Krieg halt vorbei. Was viele nicht verstehen ist, dass dieser Krieg nicht durch Russland allein geführt wird und ihn Putin allein auch nicht gewinnen kann. Ich vergleiche das oft mit einem Boxkampf, wo beide Kontrahenten nach einer Runde zurück in ihre Ecke gehen. Da stehen bei den Russen die Chinesen und die Inder, die von Moskaus billigen Rohstoffen profitieren, sowie Iran und Nordkorea, die militärische Mittel liefern. Hinzu kommen viele Ex-Sowjetrepubliken rund um Russland, die als Zwischenhändler von den Sanktionen profitieren. Und globale Swing States wie die Türkei, die die Lage wechselhaft zum eigenen Vorteil nutzen. Bei der Ukraine stehen dagegen die Europäer, die zwar gute Tipps, aber nicht mehr viel eigenes Material haben. Und die Amerikaner, die zwar liefern, aber, überspitzt gesagt, eigentlich schon gedanklich nach China weitergezogen sind. In der Logik des Ressourcenverbrauchs hat Russland schlicht die besseren Verbündeten. Insofern ist die Frage nicht nur, wie lange kann Russland noch durchhalten. Sondern wie lange kann die Ukraine noch durchhalten.
Wir schauen immer sehr stark auf das operative Gefechtsfeld, weil das die Bilder sind, die uns jeden Tag erreichen. Ich denke aber, dass dieser Krieg eher auf der strategischen Ebene entschieden wird. Da sind vor allem Russlands vierzehntägliche Luftangriffe mit Marschflugkörpern und schweren Bombern, nach denen man fast die Uhr stellen kann, und tägliche Drohnen-Attacken das größte Problem. Mittlerweile kann Moskau im Monat fast 2000 Stück erzeugen und mehr als 100 bis 140 pro Tag einsetzen. Das ist viel verheerender als alles, was an der Front im Donbass geschieht. Denn wenn die kritische Infrastruktur zerstört ist, wenn es keine Strom- und Gasversorgung mehr gibt, kann weder die Industrie Nachschub produzieren, noch die Bevölkerung überleben.
Deswegen braucht die Ukraine hier von westlicher Seite noch viel mehr Unterstützung. Auch wenn Russland nur ein oder zwei abgeschossene strategische Bomber im Halbjahr ersetzen kann: Es reicht, um die Ukraine auf Dauer zu zermürben. Auf der operativen Ebene kann es Kiew durchaus gelingen, den Konflikt einzufrieren. Aber wenn er auf strategischer Ebene weitergeht, bricht das Land einfach zusammen. Dann ist es völlig egal, ob auf russischer Seite ein neuer T-90 oder nur noch ein alter T-34 aus dem Zweiten Weltkrieg rumfährt. Wenn ihm nichts mehr gegenüber steht, marschiert er in Kiew ein.
Ich sehe darin keinen Flaschenhals für die russische Kriegsproduktion. Wenn die Maschinen ausgeleiert sind und die Russen neue brauchen, werden sie sie bekommen. Entweder über Zwischenhändler, oder sie werden von China geliefert. Es ist bislang nicht zu erkennen, dass China bei solchen Engpassgütern auf der Bremse stehen würde. Problematisch wäre es nur, wenn Russland wirklich vollständig isoliert wäre. Es ist aber eben nicht so wie im Zweiten Weltkrieg beim Deutschen Reich, das relativ abgeschottet war.
Nehmen Sie zum Beispiel die Maschinen, mit denen sich kilometerlange Lenkdrähte für russische Drohnen aufwickeln lassen, um sie gegen Störsender immun zu machen: Russland produziert sie nicht selbst, sie kommen aus China. Obwohl Peking eigentlich offiziell sagt, man sei für Frieden und unterstütze Russland gar nicht. Dabei ist jedem klar, was mit den Maschinen in Russland geschieht. Gleichzeitig schränkt China auch bereits faktisch die Lieferung von Drohnenbauteilen an die Ukraine ein.
Und denken Sie nur an den Iran: Der ist trotz schwerster Sanktionen zur Drohnen-Supermacht geworden. Im 21. Jahrhundert gibt es immer wieder Mittel und Möglichkeiten, am Markt das zu bekommen, was man braucht. Da darf man nicht naiv sein. Selbst das Deutsche Reich hat seine Engpässe im Zweiten Weltkrieg in den Griff bekommen: Im großen Stil ist etwa Schweden für die deutsche Kugellagerindustrie eingesprungen, die die US-Luftwaffe mit strategischen Angriffen auf Schweinfurt und Regensburg kaputtbombardiert hatte.
Auch hier besteht aus meiner Sicht keine große Hürde mehr. Klar, wir sehen noch keine ballistischen Raketen, Panzer oder andere komplette Waffensysteme aus China im Einsatz. Aber wichtige Komponenten, Fahrzeuge und Drohnenteile liefert China längst. Zudem geht es nicht nur um China: Aus Nordkorea kommen längst nicht mehr nur Soldaten und Artilleriemunition. Die ersten Bilder zeigen bereits, dass Russland wohl mit schweren "Koksan"-Selbstfahrgeschützen aus Pjöngjang eigene Ausfälle seiner großkalibrigen Kanonenhaubitze 2S7 "Pion" kompensiert.
Und auf ukrainischer Seite werden längst ballistische Raketen wie ATACMS, Storm Shadow oder Scalp-Marschflugkörper aus dem Westen geliefert. Was sollte die Chinesen hindern, das Gleiche zu tun? Ich gehe davon aus, dass wir über kurz oder lang auch chinesische Waffen in der Ukraine sehen werden.
Natürlich schaden die Sanktionen Russland schon heute erheblich. Aber in einem Land, das sich so systematisch vorbereitet und zudem potente Unterstützer hat, greifen sie halt nur sehr langsam. Aus meiner Sicht müsste man die Abnahme russischer Rohstoffe im Westen wirklich radikal auf null reduzieren. Das geht natürlich nicht von einem Moment auf den anderen, wie man auch am Beispiel Österreich, Slowakei oder Ungarn sieht. Aber es ist ein Unding, dass die Schattenflotte der Russen uns nach drei Jahren Krieg immer noch weiter Öl und Gas liefert, bloß über Umwege.
Natürlich würde das aber auch bedeuten, dass das schöne Leben, das wir alle genießen, in diesem Umfang vorerst nicht mehr möglich wäre, dass man ein Stück mehr auf Kriegswirtschaft umstellen und entscheiden müsste: Windräder oder Artilleriegranaten. Damit gewinnt man natürlich keine Wahl. Und gefühlt müssten die Russen dafür quasi schon in Berlin an die Tür klopfen. Diesen Gefallen werden sie uns aber nicht tun. Denn dann wären die Europäer vielleicht doch geeint. Der hybride Krieg hat den großen Vorteil, dass er in einer Grauzone stattfindet. Dabei sind wir längst in einer Art Vorstufe eines bewaffneten Konflikts mit Russland.
Ich schätze, es sind jetzt zwischen 100.000 und 125.000 tote Russen und bis zu 400.000 Verwundete, also sogar über 500.000. Ähnliche Zahlen gelten für die Ukraine. Die Frage ist, wo ist der Knackpunkt in der Gesellschaft? Nach meinen Erfahrungen in Russland wirkt dort der Sowjetkommunismus bis heute nach. Es gibt wenig Bereitschaft, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen, viel Hörigkeit gegenüber einem großen Führer, der schon die richtigen Entscheidungen treffen wird. Es ist eine sehr leidensfähige Gesellschaft.
Wir sind dagegen eine postheroische Gesellschaft ohne große Opferbereitschaft. Das schöne Leben, das wir genießen, ist uns im Westen wichtiger als das Wohl des Ganzen. Auch in Russland weint natürlich jede Frau um ihren Mann, jede Mutter um ihren Sohn. Aber für viele arme Rekruten aus Burjatien oder Jakutien sind 20.000 Euro Armeewerbeprämie eben enorm viel Geld. Und wenn sie erst in einem Schützengraben liegen, ist es zu spät.
Dann steht hinter ihnen so wie vor 80 Jahren der Kommissar und zwingt sie mit vorgehaltener Waffe wieder nach vorne. Oder er läuft die Reihen auf und ab, wie es in Videos dokumentiert ist, und sagt: "Ich werdet alle verrecken, aber man wird euch Denkmäler bauen und bis in alle Ewigkeit huldigen." Trotzdem sieht man nicht, dass bei den Soldaten die offene Revolution ausbricht. Das ist uns zum Glück fremd, aber man darf es nicht ignorieren.
Ich sehe momentan kaum Anhaltspunkte für eine Revolution in der russischen Gesellschaft, wie etwa im Ersten Weltkrieg. Ich sehe auch keinen Lenin. Ich sehe auch nicht, dass es bei der Versorgung zu wirklich massiven Einbußen kommt. Den gut betuchten Russen in Sankt Petersburg und Moskau geht's genauso gut wie vorher. Der Rest war schon immer egal. Es knirscht zwar in Russland. Und es ist auch ein Ende des Krieges abzusehen. Aber ich wiederhole: Die Frage ist nicht nur, wie lange die Russen durchhalten können, sondern eher, wie lange die Ukrainer noch durchhalten können.