Mit Milliarden-Subventionen will Robert Habeck Intel zum Bau von zwei Chipfabriken bei Magdeburg bewegen. Die Werke sollen Europas Versorgungssicherheit stützen – und tausende Jobs schaffen. Namhafte Ökonomen reagieren skeptisch.
Ein Bagger auf dem Gelände der geplanten Intel-Fabrik bei Magdeburg Getty Images/Ronny Hartmann© Bereitgestellt von WELT
Am Sonntag will Intel-Chef Pat Gelsinger privat nach Wittenberg reisen, zum Besuch der Lutherstätten. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff hatte Gelsinger eingeladen. Beim Besuch der Schlosskirche dürfte Haseloff still mitbeten, auf dass der größte Deal seiner Amtszeit gelinge.
Denn wenn alles glattläuft, wird Gelsinger am Montag nach Berlin weiterreisen und dort im Kanzleramt zusammen mit Bundeskanzler Olaf Scholz den Vertrag über den Bau von zwei Chipfabriken auf der grünen Wiese in Magdeburg unterzeichnen.
Das Investitionsvolumen beträgt knapp 30 Milliarden Euro – und der deutsche Staat gibt knapp zehn Milliarden dazu. Damit konnte Intel, laut einem Bericht des Handelsblatts vom Donnerstag, auf die letzte Minute noch einmal erheblich mehr Subventionen heraushandeln als ursprünglich abgemacht.
Sowohl die Baukosten als auch die Beihilfen sind seit der ersten Bekanntgabe der Intel-Investition um etwa 30 Prozent gewachsen. Aktuell will keiner der Beteiligten den Bericht kommentieren, zu groß erscheint die Gefahr, dass der Abschluss doch noch platzt.
Dass nun trotzdem gut drei Milliarden Euro mehr fließen, liegt an einer Zusage von Wirtschaftsminister Robert Habeck – der hat laut Handelsblatt-Bericht noch ein Sondervermögen aufgetrieben, aus dem die Intel-Gelder aufgestockt werden.
Bis zu 2000 Arbeitsplätze pro Intel-Fabrik
Intel verspricht dafür, ab dem kommenden Jahr im Magdeburger Industriegebiet Eulenberg zwei Fertigungseinheiten, sogenannte Mega-Fabs, zu bauen. Die sind exakte Kopien der restlichen aktuellen Intel-Fabriken in Irland, Oregon, Israel und Arizona.
Sie bringen etwa 1500 bis 2000 Arbeitsplätze pro Fab. Doch nicht allein die Arbeitsplätze bei Intel selbst sind ausschlaggebend für die Subvention: Beim Besuch bei Intel Irland in Leixslip sieht man bereits bei der Zufahrt zum Werk, wie ein ganzes Netzwerk aus Zulieferfirmen, Ingenieurbüros, Dienstleistern die Fabrik versorgt. Für jeden Job im Werk sollen zwei hoch qualifizierte Jobs drumherum entstehen, sagt Intel.
In Irland scheint das funktioniert zu haben, laut lokalen Medienberichten wirkt die Intel-Fabrik als Antrieb für die lokale Wirtschaft in hundert Kilometern Umkreis. „Selbst wenn der Multiplikatorfaktor in der Realität zutrifft, wären die dann knapp 10.000 Jobs mit einer Million Euro pro Arbeitsplatz sehr hoch bezahlt“, kommentiert der Ökonom und Wettbewerbsexperte Justus Haucap von der Universität Düsseldorf.
„Im Grunde genommen ist das Wahnsinn, diese Wertschöpfung werden die kaum je wieder generieren können. Ich habe da die größten Bauchschmerzen.“ Denn durch die Subventionen könnten ungewollte Verdrängungseffekte und Wettbewerbsverzerrungen entstehen, warnt Haucap. „Die Fachkräfte für Chipfertigung zum Beispiel sind absolut knapp“.
Intel könnte nun, befeuert durch Subventionen, Fachkräfte bei bereits etablierten Chipfertigern wie etwa Globalfoundries in Sachsen abwerben. Auch im europäischen Kontext warnt Haucap vor Verstimmungen: „Die kleineren EU-Partnerstaaten können sich Subventionen in diesem Maßstab kaum leisten.“
Durch die konkurrierenden Subventionen der US-Regierung im „Inflation Reduction Act“ sei ein unguter Wettlauf entstanden. „Es fehlt in diesem Kontext an einer europäischen Strategie“, sagt der Wettbewerbsexperte. Mit den Konjunktureffekten allein wäre die Milliarden-Subvention also kaum zu rechtfertigen. Doch darüber hinaus ist die Versorgungssicherheit mit Chips für ganz Europa ein entscheidendes Kriterium für die Intel-Ansiedlung um jeden Preis.
An diesem Freitag verkündet Gelsinger im polnischen Wrocław, vor Ort ein Chipverarbeitungswerk (Assembly) zu bauen, in dem die fertig belichteten Chip-Rohlinge aus Magdeburg künftig geprüft, mit Kühlkörpern und Anschlussplatinen versehen und verpackt werden.
Mehr Chip-Autonomie für Europa
Damit wäre eine komplette Intel-Fertigungsstraße, von Wafer-Zulieferern über die Chipbelichtung bis zur Assembly, in Zentraleuropa etabliert. Da sich Intel künftig auch als Auftragsfertiger für andere Chiphersteller betätigen will, würde das Werk tatsächlich Versorgungssicherheit in der EU bringen.
Intel will in Magdeburg zudem die neueste Generation der EUV-Chipbelichtungsmaschinen des niederländischen Spezialisten ASML und seinen deutschen Zulieferern Trumpf und Zeiss einbauen – damit wäre Europa zukunftssicher ein Stück weit unabhängiger von den Auftragsfertigern in Taiwan.
Doch auch hier hinterfragen Ökonomen, ob diese Versorgungssicherheit vom Staat gewährleistet werden muss. „Die Absicherung gegen Versorgungsrisiken und Engpässe ist primär eine privatwirtschaftliche Aufgabe. Derartige Risiken sind normaler Teil des Wirtschaftsgeschehens“, kommentiert IFO-Präsident Clemens Fuest gegenüber WELT.
„Für staatliche Eingriffe muss man begründen, warum die Unternehmen selbst nicht hinreichend vorsorgen. Zehn Milliarden Euro für die Intel Fabrik in Magdeburg sind eine extrem hohe Versicherungsprämie. Das können wir uns unmöglich bei allen Gütern leisten, bei denen Lieferrisiken bestehen.“
Zudem müsse der Staat die Subventionen realistisch berechnen: „Wenn der geplante Industriestrompreis kommt, fließen zusätzliche Gelder. Chipfabriken verbrauchen extrem viel Energie.“ Es wäre zumindest wichtig, so Fuest, dass man nun in der letzten Verhandlungsrunde im Gegenzug von Intel auch die Ansiedlung von Forschung und Entwicklung in Magdeburg verlangt. „Da lassen sich die Subventionen wegen der Spillover-Effekte eher rechtfertigen.“
Zudem ist die Fertigung von High-End-Chips mit Strukturgrößen von fünf Nanometern und kleiner auch bislang in Europa gesichert: Intel hatte erst im Dezember 2022 im irischen Leixlip „first light“, also die erste Belichtung von Chips, in der neuen „Fab 34“ verkündet.
High-End-Chips aktuell nicht existenziell knapp
Auch hier werden Chips nach dem neuen EUV-Verfahren gebaut, auch hier will Intel künftig einen Teil der Kapazitäten als Auftragsfertiger anbieten. „Ein Handelsembargo durch Irland ist wohl eher unwahrscheinlich“, kommentiert Justus Haucap augenzwinkernd, „warum also nun nur das Werk in Magdeburg künftig die Versorgungssicherheit sicherstellt, ist mir nicht ganz klar.“
Global betrachtet sind Fertigungskapazitäten für die High-End-Chips aktuell zwar ausgelastet, nicht aber existentiell knapp. Zudem benötigt die deutsche Wirtschaft aktuell vor allem andere Chips – etwa solche zur Leistungssteuerung in Elektroautos, Maschinen und Werkzeugen. Ein entsprechendes Werk baut Bosch aktuell weiter aus.
Oder auch Chips für technisch anspruchsvolle Umgebungen und Anwendungen wie Industriesteuersysteme. Die müssen nicht mit der neuesten Belichtungstechnik gebaut werden, aber dafür robust und langlebig sein. Nicht jede Chipfabrik taugt für jede Chip-Anwendung, die Ansiedlung von weiteren Werken mit unterschiedlichen Schwerpunkten ist deswegen ein erklärtes Ziel der Bundesregierung.
Schon jetzt verhandelt der taiwanische Auftragsfertiger TSMC über eine Milliardeninvestition in Dresden. „Diese Hersteller werden nun ähnliche Erwartungen an die Höhe der Subventionen haben wie Intel“, warnt Haucap. „Und sie werden um dieselben Ressourcen konkurrieren – um Fachkräfte, aber auch um grüne Energie, eventuell um Wasser und um Kapazitäten bei Zulieferern.“ Haucap hofft, dass Robert Habeck sich nicht verkalkuliert hat.