Statistik-Koryphäe Katharina Schüller empfiehlt auch Cem Özdemir, Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, sich genauer mit Daten zu befassen. dpa, E+A Fotografie/Tanja Smith© dpa, E+A Fotografie/Tanja Smith
Politiker müssen lernen, evidenzbasiert zu handeln. Das fordert Katharina Schüller, Statistik-Expertin und Vorstandsmitglied der Deutschen Statistischen Gesellschaft. Denn zum Beispiel das Werbeverbot für bestimmte Lebensmittel basiert unter anderem auf der Fehlinterpretation einer Studie.
Warum ist der Vorschlag der Grünen zum Werbeverbot für bestimmte Lebensmittel ein Beispiel für fehlende Datenkompetenz?
„Warum lassen wir es zu, dass Kinder im Schnitt 15 Werbespots, für Zuckerbomben, für salzige und fettige Snacks sehen?“ Damit begründet Ernährungsminister Özdemir streng blickend seinen Vorschlag, Werbung für ungesunde Lebensmittel an Kinder zu verbieten. Ein ehrenwerter Vorschlag, doch die Sache hat einen Haken: Die 15 Werbespots pro Tag sind schlichtweg falsch. Schaut man sich die zugrundeliegende Studie genauer an, stellt man fest, dass der werbefreie Sender KIKA in der Analyse überhaupt nicht berücksichtigt wurde. Darüber hinaus beziehen sich die 15 Werbespots nur auf eine Untergruppe, für alle Kinder ist die Zahl wesentlich geringer. Schaut man sich also – was man von einem Bundesministerium erwarten sollte - die Rechnungen und Annahmen der Studie genauer an, wird schnell klar, dass die 15 Werbespots pro Tag falsch sind. Ein klarer Fall von mangelnder Datenkompetenz in der Politik – leider nicht der einzige.
Welche grundlegenden Fähigkeiten benötigen Politiker, um evidenzbasiert zu handeln?
Was sind typische Fehler, die Politiker beim Lesen von Studien machen?
Der erste Fehler ist vermutlich, dass Politiker gar keine Studien lesen. Und wenn sie Studien lesen, dann vermutlich nur sehr oberflächlich. Beides nachvollziehbar, wenn man den hektischen Politikalltag bedenkt. Umso wichtiger ist es daher, dass Politiker von Menschen beraten werden, die Studien kritisch lesen können. Um beim Werbeverbot zu bleiben: Ich gehe nicht davon aus, dass Cem Özdemir die fragwürdige Studie selbst gelesen hat, sondern seinen Mitarbeitern bzw. dem Studienautor blind vertraut hat. Das ist naiv, Özdemir hätte die Zahlen kritisch hinterfragen müssen oder Experten um eine Einschätzung bitten sollen – selbst wenn die Zahlen gut in die eigene Agenda passen. Insofern ist das Problem nicht unbedingt, dass Politiker keine Studien lesen (können) – sondern dass Politikern die Fähigkeit fehlt, Zahlen kritisch zu hinterfragen – und im Zweifelsfall Statistik-Experten um Rat zu fragen.
Warum ist Datenkompetenz entscheidend für eine funktionierende Demokratie?
Nun, damit Demokratie funktioniert, müssen die Wähler wissen, was Sache ist: Brummt die Wirtschaft? Geht es beim Klima voran? Zeigt das neue Gesetz die erhoffte Wirkung? Nur dann können die Wähler entscheiden, ob eine Regierung gut oder schlecht regiert hat – auch wenn das am Ende natürlich jeder anders sieht. Doch einige Ziele können knallhart gemessen werden, zum Beispiel der CO2 Ausstoß der verschiedenen Sektoren in Deutschland. Nachdem das Verkehrs- und das Bauministerium diese Ziele mehrfach verfehlt haben, will die Ampel die Ziele kurzerhand aufweichen. Sollten Sie also zukünftig die Meldung „Verkehrsministerium verfehlt erneut Klimaziele“ vermissen, liegt das vermutlich nicht an einer besseren Politik, sondern an aufgeweichten Sektorzielen. Auch hier hilft Datenkompetenz – nämlich um zu erkennen, wann die Politik ihre Ergebnisse schönrechnet.
Wie können wir sicherstellen, dass politische Entscheidungen auf korrekter Datenauswertung basieren?
Hier sind wir alle gefragt: die Politik, die Medien, aber auch die Bürgerinnen und Bürger. Den Anfang muss natürlich die Politik machen, indem sie ihre Daten und Auswertungen veröffentlicht. Nur dann können Medien, Experten und Bürger die jeweilige Entscheidungsgrundlage überhaupt überprüfen und Verbesserungen vorschlagen. Hier gewinnt die Demokratie übrigens doppelt: Entscheidungen werden nicht nur transparenter, sondern auch besser. Um dazu beizutragen, müssen allerdings auch die Bürgerinnen und Bürger ihre Datenkompetenz ein gutes Stück steigern: Laut dem D-21 Digitalindex fällt es beispielsweise knapp der Hälfte der Deutschen schwer, die Richtigkeit von Informationen im Internet zu beurteilen. Auch hier muss die Politik liefern: Datenkompetenz gehört in den Schulunterricht. Doch auch die Medien müssen ihre Datenkompetenz verbessern, da Daten eine immer größere Rollen in der Politik spielen. Die Corona-Pandemie hat eindrucksvoll gezeigt, dass auch hier immer noch Luft nach oben ist.